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Mittelfest 2022

#unvorhergesehenes

Am Abend vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1915 rechnete Albert Einstein mit allem, bloß nicht damit, einen Brief von seinem Kollegen Karl Schwarzschild zu erhalten, der ihm von der Front und direkt aus den Schützengräben die Lösungen zu den kurz zuvor veröffentlichten Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie schickte. Vollkommen unvorhergesehene Antworten, jedoch nur in den Augen des lesenden Einsteins, nicht für die Hand des Absenders Schwarzschild, dessen spekulativer Geist nie stillstand, nicht einmal während der nicht enden wollenden Bombenangriffe im Ersten Weltkrieg. So zumindest erfahren wir es heute aus Benjamin Labatuts Erzählung über Schwarzschilds Geschichte. Eine Reihe unvorhergesehener Berechnungen, die wie aus dem Nichts kamen. Das war es, was Einstein vor sich hatte: ein Grund für ihn, aufgewühlt und zutiefst erstaunt zu sein.

Dasselbe Gefühl hat wohl Berlioz durchdrungen, als er die Prophezeiung seines Todes aus dem Mund eines seltsam aussehenden Fremden, eines gewissen Voland, vernahm, der an den Patriarchenteichen in Moskau an einem außergewöhnlich warmen Frühlingsabend des Jahres 1918 etwas über Sonnenblumenöl, Anuschka und Köpfungen sagte. Und doch war das, was für Berlioz das unvorhergesehene verhängnisvolle Ereignis sein sollte, bereits im Gange und bahnte sich Schritt für Schritt, ohne sein Wissen, an: Denn Anuschka ging sehr schnell, nachdem sie das Öl gekauft hatte, auf dem Berlioz dann unvorsichtigerweise ausrutschen sollte. Wie Michail Bulgakow in seinem Roman Der Meister und Margarita erzählt, fand sich diese Mischung aus Erregung und Schrecken an diesem Abend auch bei Finanzdirektor Rimski wieder, der ebenfalls von Voland und seinen Gehilfen verzaubert wurde, sowie bei den Damen und Herren, die ins Varietétheater gekommen waren. Dort, auf der Bühne, am Ende einer Reihe von Wundern, erschien plötzlich eine seltsame Boutique: ein Vorhang, ein Augenblick, das alte Kleid durch die neueste Mode ersetzt. Rimski sollte dann dabei zusehen, wie die Zuschauer beim Erscheinen der Boutique seufzten, sich zögernd anstellten, einer nach dem anderen hinter den Vorhang traten und sich über den Zauber des neuen Looks freuten. Nur um sich dann in der Moskauer Nacht fassungslos und schreiend vor Scham wiederzufinden, da sie buchstäblich in Unterwäsche dastanden, in Unterhose, BH und Unterhemd: Mit Voland und seinen Gehilfen waren auch alle guten Kleider weg.

Das sind die unvorhergesehenen Ereignisse, die sich dort anbahnen, wo unsere Augen nichts wahrnehmen, auch wenn sie sehen, wo unsere Ohren nichts verstehen, auch wenn sie hören, wo unser Körper so tut, als ob er nichts merkt, auch wenn er sich mitten im Geschehen befindet. Es ist das Unvorhergesehene, das eingefahrene Gewohnheiten und allzu einfache Gewissheiten über den Haufen wirft, in einem Strudel aus Risiken, Schmerzen, aber auch Chancen.

Wie verdeckte Spielkarten, die ihr Geheimnis verbergen, ist das Unvorhergesehene nur für uns, die wir von seinem Eintreten überrascht sind, tatsächlich unvorhergesehen: Doch ist es erst einmal eingetreten, ist es möglich, die Fäden seiner Ursachen zu entwirren und seine langsame Anbahnung im Laufe der Zeit zu rekonstruieren. In der Zwischenzeit beschäftigen wir uns jedoch bereits mit den Auswirkungen, mit dem, was es uns – im Guten wie im Schlechten – hinterlassen hat.

Wie verdeckte Spielkarten, die ihr Geheimnis verbergen, ist das Unvorhergesehene nur für uns, die wir von seinem Eintreten überrascht sind, tatsächlich unvorhergesehen: Doch ist es erst einmal eingetreten, ist es möglich, die Fäden seiner Ursachen zu entwirren und seine langsame Anbahnung im Laufe der Zeit zu rekonstruieren. In der Zwischenzeit beschäftigen wir uns jedoch bereits mit den Auswirkungen, mit dem, was es uns – im Guten wie im Schlechten – hinterlassen hat.

Das Erzählen von unvorhergesehenen Ereignissen ist an sich nichts weiter als ein Spiel, aber es dient dazu, unsere Sinne zu schärfen und genauer hinzuschauen, was um uns, um jede und jeden von uns, herum geschieht: zum einen, um zu lernen, dem Wert beizumessen, was oft übersehen wird, und zum anderen, um bestmöglich auf das zu reagieren, was in jedem Fall nicht vorhersehbar ist. Denn die noch verdeckte Spielkarte ist wie die Katze in Schrödingers Kiste: Erst wenn sie auftaucht, kennt man ihren wahren Wert.

Giacomo Pedini, Künstlerischer Leiter

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