16.-26. Juli 2026


Um mich nicht zu sehr zu verirren, werde ich einen Kompass benutzen, der mich noch nie im Stich gelassen hat: die Angst. Folge den Spuren der Angst und du wirst dein Zuhause finden: dein eigenes und das der anderen

Alessandro Baricco, The Game. Topographie unserer digitalen Welt

Es wird erzählt, dass tief unten in den Abgründen, unter dem Frost der Erde und der Felsen, in einem Netz aus Höhlen und Tunneln zwei Schwestern lebten, die nur ein Auge hatten, das sie sich gegenseitig bei Bedarf überließen. Weiter wird erzählt, dass, während die eine es der anderen übergab, Perseus im Schutz der Dunkelheit seine Hand ausstreckte und das Auge stahl. Und aus den Tiefen gelangte er zu unbekannten, tiefen Schluchten und düsteren Wäldern und durchquerte Meere und Wüsten, bis er zum Haus der Gorgonen gelangte. Dort herrschte eine unheimliche Stille, und er sah eine endlose Reihe von Menschen und Tieren, die, alle erschreckt durch den Blick der Medusa, zu Stein erstarrt waren. Perseus verband sich die Augen, um seine Angst zu verbergen. Er sollte durch diesen Friedhof der Statuen gehen und sich mit dem Auge orientieren, das er den beiden Schwestern gestohlen hatte. Und Medusa finden, versunken in Schlaf, ruhig mit ihrem Haupt voller ekelerregender Schlangen. Und, so wird erzählt, ohne sie anzusehen, ihr den Kopf abschneiden.

Da geschah das erste Wunder: Sofort entsprangen zwei Pferde, eines davon geflügelt, Pegasus. Weiter wird erzählt, dass Perseus, auf Pegasus reitend, am Ufer des Meeres Halt machte, seine siegreichen Hände wusch und den Sand mit Blättern und Seegras einweichte, damit er das abgetrennte Haupt der Medusa nicht beschädigte. Darauf legte er das Haupt mit seinen furchterregenden Schlangen. Und da geschah das zweite Wunder: Das Blut, das noch immer aus dem Kopf der Medusa floss, verwandelte die Blätter in Staub, dem Seegras verlieh es aber eine ungeahnte Festigkeit und verwandelte es in Korallen. Seitdem geht die Sage, dass das Blut der furchterregenden Medusa alles, was leblos im Wasser liegt, in kostbare Korallen verwandeln kann, und alles, was auf der Erde ruht, in harten Stein und Staub.

So verhält es sich auch mit der Angst: Sie liegt ganz in den Erwartungen, in dem, was in unserer Vorstellung sein wird. Angst ist das primäre Gefühl, das vor den Ereignissen aufkommt, sie folgt nicht auf die Ereignisse. Sie ist bereits da. Sie kommt und weist den Weg, wie in der anspielungsreichen Geografie des Mythos. Doch indem sie das Unterliegen bei jeder todbringenden Herausforderung ahnt, verhindert sie deren Ausgang. Man muss nur über das hinausgehen, was die Augen glauben. Denn der Blick täuscht oft: Er nimmt nicht wahr, was vor einem liegt, sondern das, was der Verstand bereits erwartet. Der Blick, so heißt es, registriert nur die Unterschiede.

Unsere Geschichte kann also der von Perseus ähneln: Nicht selbst dem Blick der Medusa nachgeben, nicht vor dem bereits bekannten Schrecken zu Stein erstarren, vor dem, was der Verstand befürchtet, dass es eintreten wird. Stattdessen können wir, geschützt durch ein gestohlenes Auge, unsere angstvollen Augen geschlossen halten und siegreich zurückkehren, auf dem Rücken unseres Pegasus, beladen mit kostbaren Korallen.

Wird es so geschehen? Wer weiß: Wenn wir die Dinge beobachten und beginnen, sie mit neuen Instrumenten und anderen Augen zu sehen, erwartet uns vielleicht eine angenehme Überraschung. Wenn die Angst, die sich in unseren Gedanken eingenistet hat, durch unsere Handlungen überwunden würde, würde sich vielleicht ein Wunder offenbaren. Warum folgen wir nicht jeder Angst bis zu dem Punkt, zu dem sie uns treibt, anstatt vor ihr wegzulaufen? Warum nehmen wir ihre Abenteuer nicht an? Vielleicht erhalten wir Steine, vielleicht aber auch Korallen.

Giacomo Pedini
Künstlerischer Leiter von Mittelfest

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